Bauherrenwissen

Kreislaufwirtschaft im Hochbau: Die Notwohnungen Oberglatt als Praxisbeispiel

Die Notwohnungen Oberglatt stehen exemplarisch für einen konsequent ressourcenorientierten und zirkulären Planungsansatz. Das verwendete Konstruktionsholz stammt aus dem gemeindeeigenen Wald, während der Recyclingbeton von einem Betonwerk im unmittelbar benachbarten Ort bezogen wurde. Auch die Wertschöpfungskette konnte weitgehend lokal gehalten werden: Die Zimmerei, welche den gesamten Wohntrakt vorfabrizierte, befindet sich nur wenige hundert Meter vom Bauplatz entfernt. Was oftmals als Idealvorstellung einer nachhaltigen Baupraxis beschrieben wird, konnte bei diesem Projekt konkret umgesetzt werden.

Gebäudeansicht der Notwohnungen in Oberglatt mit Eingangsbereich und Holzfassade - Architektur Hansjörg Betschart

Besonders bemerkenswert ist, dass diese hohen ökologischen Ansprüche trotz erheblichem Kostendruck realisiert werden konnten. Das Projekt zeigt, dass wirtschaftliche Rahmenbedingungen und eine verantwortungsvolle Ressourcennutzung keine Gegensätze darstellen müssen, sondern sich durch eine integrale Planung sinnvoll verbinden lassen.

Die Nachhaltigkeitsstrategie beschränkt sich dabei nicht auf die Erstellung des Gebäudes, sondern berücksichtigt dessen gesamten Lebenszyklus. Das Gebäude wurde so konzipiert, dass zukünftige Nutzungsänderungen mit minimalem baulichem und technischem Aufwand möglich sind. Sowohl die räumliche Organisation als auch die technische Infrastruktur wurden auf maximale Anpassungsfähigkeit ausgelegt. Durch die klare Trennung von Primär- und Sekundärstruktur konnte zudem den unterschiedlichen Lebensdauern der Bauteile Rechnung getragen werden, was langfristige Umbauten und Erneuerungen erleichtert.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Reversibilität der Konstruktion. Wo immer möglich wurden mechanische Verbindungen gegenüber geklebten oder dauerhaft gefügten Konstruktionen bevorzugt. Dadurch werden der spätere Rückbau, die sortenreine Trennung der Materialien sowie deren Wiederverwendung oder Wiederverwertung wesentlich vereinfacht. 

Hansjoerg Betschart Architektur | Katsura

Die ökologische Qualität eines Gebäudes ergibt sich aus dem Zusammenspiel zahlreicher Faktoren. Neben dem Energiebedarf und der betrieblichen Effizienz spielen Materialwahl, Konstruktionsweise, Gebäudemasse, Lebensdauer, Kreislauffähigkeit, Wiederverwendbarkeit von Bauteilen, Herstellungsprozesse, Transportwege und Produktionsmethoden eine entscheidende Rolle. Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit diesen Parametern bildet die Grundlage meiner planerischen Tätigkeit. Ziel ist es, Gebäude zu entwickeln, die nicht nur funktional und wirtschaftlich überzeugen, sondern auch einen substantiellen Beitrag zu einer ressourcenschonenden und zukunftsfähigen Baukultur leisten.

Rezension Gemeinde Oberglatt hier.

Rezension Holzbau Schlatter hier.