Bauherrenwissen
Verantwortungsbewusst bauen
„Bauen heißt Zerstören – also zerstöre mit Verstand.“ Dieser Leitsatz des Tessiner Architekten Luigi Snozzi begleitet mein architektonisches Denken seit vielen Jahren. Jede bauliche Intervention verändert einen bestehenden Zustand, verbraucht Ressourcen und hinterlässt langfristige Spuren in unserer Umwelt. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung gegenüber dem gebauten Bestand, den verwendeten Materialien und den nachfolgenden Generationen.
Diese Verantwortung zeigt sich insbesondere im Umgang mit Fassadensystemen. Im gesamten Unterland entstehen derzeit zahlreiche Neubauten, die nahezu ausnahmslos mit sogenannten Kompaktfassaden ausgeführt werden. Dabei wird auf das tragende Mauerwerk eine Wärmedämmung aus expandiertem Polystyrol aufgebracht und mit einer dünnen, eingefärbten Putzschicht versehen. Die weite Verbreitung dieses Systems ist vor allem auf seine wirtschaftlichen Vorteile zurückzuführen.
Aus ökologischer und langfristiger Perspektive ist diese Bauweise jedoch kritisch zu hinterfragen. Organische Fassadensysteme auf Basis synthetischer Materialien sind anfällig für Algen-, Moos- und Pilzbewuchs. Um diesen Erscheinungen entgegenzuwirken, werden häufig Biozide eingesetzt, die im Laufe der Zeit ausgewaschen werden und in den natürlichen Wasserkreislauf gelangen können. Die Diskussion über Fassaden sollte daher nicht allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt werden, sondern auch die Auswirkungen auf Umwelt und Trinkwasserqualität berücksichtigen.
Mineralische Fassadensysteme bieten in diesem Zusammenhang deutliche Vorteile. Sie weisen eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber Witterungseinflüssen auf, benötigen weniger chemische Schutzmaßnahmen und sind langfristig pflegeleichter. Noch nachhaltiger sind hinterlüftete Fassadenkonstruktionen, die zwar höhere Investitionskosten verursachen, dafür jedoch durch ihre Langlebigkeit, Robustheit und bauphysikalische Qualität überzeugen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, welches Fassadensystem kurzfristig am günstigsten ist, sondern welchen Wert wir unseren natürlichen Ressourcen und insbesondere unserem Trinkwasser beimessen.
Wie ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Bestand zu qualitativ hochwertigen Lösungen führen kann, zeigt der Umbau des Sicherheitszentrums Bülach. Die Herausforderung bestand darin, einen architektonisch wertvollen Sichtbetonbau aus den 1960er-Jahren um eine zusätzliche Vertikalerschließung zu ergänzen. Eine heute häufig angewandte Außenwärmedämmung hätte die charakteristische Materialität und Präsenz des Bestands weitgehend aufgehoben.
Die Erweiterung wurde deshalb so konzipiert, dass sie außerhalb des beheizten Gebäudeperimeters liegt. Dadurch konnte die bestehende Betonhülle konsequent weitergeführt und die architektonische Identität des Gebäudes bewahrt werden. Der Bestand selbst erhielt eine kompakte Innendämmung, während vergrößerte Fensteröffnungen die natürliche Belichtung deutlich verbesserten. Die Qualität des Projekts liegt nicht in einer möglichst umfassenden Erneuerung, sondern im bewussten Weiterbauen des Vorhandenen und im respektvollen Umgang mit den vorhandenen architektonischen Qualitäten.
Dieses Verständnis prägt meine Arbeit als Architekt. Ziel ist es stets, für meine Auftraggeberinnen und Auftraggeber Lösungen zu entwickeln, die gestalterische Qualität, technische Nachhaltigkeit und langfristige Werthaltigkeit miteinander verbinden. Materialien mit kurzer Lebensdauer oder problematischer Umweltbilanz haben in hochwertigen Bauprojekten keinen Platz. Architektur bedeutet für mich weit mehr als die Gestaltung von Gebäuden. Sie ist ein kultureller Beitrag zur Entwicklung einer nachhaltigen und verantwortungsvollen Lebensweise und damit ein wesentlicher Bestandteil einer zukunftsfähigen Gesellschaft.