Architekturgeschichte

Die James-Simon-Galerie  –   Propyläen der Museumsinsel Berlin

Gebäude werden oft als autonome, freistehende Objekte verstanden – insbesondere bei ikonischen Bauwerken wie griechischen Tempeln, gotischen Kathedralen oder Renaissance-Schlössern. Diese Sichtweise hat auch in der zeitgenössischen Architekturkritik überhandgenommen: Das Gebäude als Kunstobjekt, vergleichbar mit einem Gemälde oder einer Skulptur. Dabei wird jedoch häufig vernachlässigt, dass Architektur meist im städtebaulichen Kontext entsteht. Gebäude sind Bestandteile eines größeren Gefüges – der Stadt –, und sollten daher stets im Zusammenspiel mit ihrer Umgebung gedacht und gestaltet werden.

James-Simons-Galerie Hauptansicht

Ein Beispiel für diese Herangehensweise ist die James-Simon-Galerie in Berlin. Im Rahmen des Masterplans von 1993 für die Museumsinsel entwarf David Chipperfield zunächst ein gläsernes, in sich geschlossenes Museumsgebäude. Es war als sechstes, eigenständiges Haus geplant, das Servicefunktionen übernehmen und die einzelnen Museen miteinander verbinden sollte. Doch dieser frühe Entwurf war in seiner Materialität und städtebaulichen Wirkung problematisch und kritisiert.

Auf Grundlage seiner Erfahrungen mit dem Wiederaufbau des Neuen Museums überarbeitete Chipperfield seinen Ansatz grundlegend. Er gab die Idee eines freistehenden, gläsernen Objekts auf und schuf stattdessen ein bauliches Fragment, das weniger als Gebäude im klassischen Sinn erscheint, sondern vielmehr als Übergang, Zugang und Vermittlung innerhalb eines bestehenden städtischen Ensembles. Die neue James-Simon-Galerie funktioniert als Eingang zur Museumsinsel, ohne sich als eigenständiges Monument in den Vordergrund zu drängen.

Der Entwurf orientiert sich bewusst nicht an einer kontrastreichen Gegenüberstellung von Alt und Neu. Vielmehr entstand eine zurückhaltende, integrierende Architektur, die sich mit ihrer Umgebung verbindet. Die Glasfassaden wurden zugunsten eines ruhigen, steinernen Ausdrucks verworfen. Die Innenräume zeigen fließende Raumfolgen, dünne Wände und eine Längsausrichtung – im Kontrast zu den massiven, zentrierten Grundrissen der benachbarten historischen Museen.

Zentraler Bestandteil des Konzepts ist die Kolonnade. Sie rahmt den Stadtraum, verbindet die Museumsbauten und schafft Orientierung. Sie wirkt nicht wie eine dekorative Anleihe aus der Vergangenheit, sondern als modernes, abstrahiertes Bauelement, das Proportion und Rhythmus zitiert, ohne historisierend zu sein. Damit schlägt Chipperfield eine Brücke zur Architektur Karl Friedrich Schinkels, dessen Geist die Museumsinsel durchdringt.

Besonders bemerkenswert ist, wie die Galerie zwischen Innen und Außen, Alt und Neu, Stadt und Gebäude vermittelt. Der Zugang erfolgt über einen hohlen Sockel mit funktional untergebrachten Bereichen. Ein unteres Foyer führt zur Archäologischen Promenade, während das obere Foyer den Anschluss ans Pergamonmuseum bietet. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen funktionalem Bau und städtebaulicher Geste.

James-Simon-Galerie_Packhof

Die James-Simon-Galerie steht exemplarisch für eine Architektur, die Komplexität und Widerspruch – wie sie Robert Venturi beschrieben hat – produktiv macht. Sie fügt sich in das bestehende Gefüge ein, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren, und verleiht der Museumsinsel eine neue, aber respektvolle städtebauliche Qualität.