Architekturgeschichte

Entdecke den LC2 – Grand Confort

Der „Grand Confort“-Sessel (auch bekannt als LC2 bzw. LC3) von Le CorbusierCharlotte Perriand und Pierre Jeanneret gehört zu den bekanntesten Möbelentwürfen der klassischen Moderne. Ende der 1920er-Jahre entwickelt, manifestiert er in exemplarischer Weise die programmatischen Leitgedanken des modernen Wohnens: formale Klarheit, den Einsatz industriell gefertigter Materialien sowie eine neuartige, funktional begründete Interpretation von Komfort.

Prägend ist das außenliegende Stahlrohrgestell, das als eigenständige, konstruktiv ablesbare Struktur fungiert und den Sessel gleichsam rahmt. Innerhalb dieses rationalen Gerüsts sind die voluminösen Polsterelemente lose eingefügt, wodurch eine bewusste Trennung von tragender Struktur und komfortabler Ausfachung entsteht. Dieses Prinzip verleiht dem Entwurf nicht nur eine prägnante visuelle Ordnung, sondern artikuliert zugleich ein zentrales Dogma der Moderne: die Entkopplung von Konstruktion und Nutzung.

Wie zahlreiche Arbeiten aus dem Atelier Le Corbusiers schöpft auch dieser Entwurf seine formalen und konstruktiven Impulse aus dem Schiff- und Flugzeugbau. Insbesondere das Stahlrohrgestell lässt sich in direkter Linie auf die Geländerkonstruktionen zeitgenössischer Ozeandampfer zurückführen. Die Übertragung dieser technischen Ästhetik in den Wohnraum verleiht dem Möbel eine industrielle Präzision und unterstreicht seinen funktionalistischen Anspruch. Die damals radikale Offenlegung der Struktur sowie die klare Differenzierung zwischen tragendem Rahmen und weichem Innenleben markieren einen entscheidenden Schritt hin zu einem neuen, technisch geprägten Verständnis von Möbelgestaltung.

James-Simons-Galerie Hauptansicht

Eine besondere Rolle spielt dabei die Daune (bzw. die Feder-Daunen-Füllung) der Polster. Sie steht in bewusstem Kontrast zur kühlen, technischen Anmutung des Stahlrahmens. Während Le Corbusier oft für seine Vorstellung vom Haus als „Wohnmaschine“ zitiert wird, zeigt sich im Grand Confort-Sessel – nicht zuletzt durch Charlotte Perriands Einfluss – eine stark menschliche, körperbezogene Dimension. Die Daune sorgt für Weichheit, Nachgiebigkeit und Volumen: Der Körper sinkt ein, der Sessel passt sich an, statt den Sitzenden zu disziplinieren. Komfort wird hier nicht durch strenge Ergonomie, sondern durch sinnliche Erfahrung erreicht.

Die Bedeutung der Daune geht damit über reinen Sitzkomfort hinaus. Sie symbolisiert den Ausgleich zwischen Industrie und Behaglichkeit, zwischen Rationalität und Wohnen. Gerade Charlotte Perriand setzte sich dafür ein, dass moderne Möbel nicht nur funktional und rational, sondern auch angenehm und lebensnah sind. Im Grand Confort-Sessel wird diese Haltung deutlich: Die Daune macht das Möbel einladend und wohnlich und zeigt, dass die Moderne nicht auf Wärme und Komfort verzichten muss. So wird der Sessel zu einem Schlüsselobjekt, das Technik und Körper, Maschine und Mensch in ein neues Gleichgewicht bringt.

Ursprünglich wurden von den beiden verwandten Sesseln Grand Modèle und Petit Modèle drei Varianten entwickelt. Eine Version besaß leicht erhöhte Vorderbeine, wodurch sich der Sessel sanft nach hinten neigte. Eine zweite Variante verfügte über eine Art Stoßdämpfer in den Hinterbeinen, der beim Hinsetzen federnd nachgab und den Sitzkomfort erhöhte. Die dritte Version entspricht weitgehend der heute verbreiteten Ausführung. Alle drei Varianten entstanden zwischen 1928 und 1929, wurden jedoch aus Kostengründen nicht in Serie produziert.

Erst durch das Engagement von Heidi Weber wurden ab 1959 die vier Typenmöbel – die Chaiselongue basculante, das grosse und kleine Modell des Fauteuil grand confort und der Fauteuil à dossier basculant – in einer Kleinserie hergestellt. Ende der 1960er-Jahre gingen die Produktionsrechte an das Unternehmen Cassina über, das die Sessel bis heute fertigt.

Der Grand Confort war ursprünglich mit farbigen Stahlrohrgestellen vorgesehen, häufig sogar zweifarbig. Auch entwarf Charlotte Perriand Varianten mit mehrfarbiger Polsterung. Diese Ideen gelangten jedoch – mit Ausnahme einer späteren Sonderedition von Cassina – nie in die reguläre Produktion.

James-Simon-Galerie_Packhof

Die heute verbreiteten Ausführungen mit Schaumstofffüllung erscheinen wie Zinnsoldaten: starr, formalisiert und abweisend. Sie stehen im Widerspruch zum ursprünglichen Entwurfsverständnis Charlotte Perriands, die die vier Typenmöbel in weiten Teilen eigenständig konzipierte. Diese Entwürfe wurden zunächst als Prototypen in ihrer Wohnung erprobt und anschließend Le Corbusier und Pierre Jeanneret präsentiert. Die Reduktion auf industrielle Polstermaterialien nivelliert dabei jene körperbezogene, wohnliche Qualität, die für Perriands Beitrag zur Moderne zentral war.